Das ist doch

kein Nolde, oder?*

 

*In der Tat.

 

Was hier zu sehen ist, sind Fragmente. Ausschnitte aus alten Kalenderblättern, Kunstzeitschriften, Ausstellungskatalogen und Flyern. Bilder, die einmal auf „große Kunst“ verwiesen haben. Doch was passiert, wenn man ihnen den Zusammenhang nimmt? Wenn man sie ausschneidet, stanzt, verschiebt, neu zusammensetzt und aus einem bekannten Bildfragment ein neues, bis dahin unbekanntes Bild macht? Dann beginnt unser Gehirn zu arbeiten.

 

Es sucht nach dem Bekannten. Nach einem Namen, einer Form, einer Farbe, einem Zusammenhang. Es möchte erkennen und zuordnen. Und genau hier beginnt das kleine Verwirrspiel von „Das ist doch kein Nolde!“ Gemeint ist hier natürlich Emil Nolde!

 

Denn was wir sehen, entsteht nicht allein vor unseren Augen. Unsere Augen liefern Informationen – unser Gehirn verarbeitet sie, vergleicht sie mit dem, was wir bereits gesehen, gelernt und gespeichert haben, und macht daraus unsere ganz persönliche Wirklichkeit. Wir sehen also nicht einfach die Welt. Wir sehen unsere Version der Welt. Deshalb kann ein Fragment plötzlich wie Nolde aussehen, obwohl es kein Nolde mehr ist. Oder wie Rembrandt, obwohl Rembrandt gar nicht gemeint ist. Vielleicht van Gogh oder Manet? David Hockney oder Michel Basquiat? Oder wie etwas, das wir überhaupt nicht mehr zuordnen können. Das ist kein Fehler. Das ist Wahrnehmung. Vielleicht funktioniert es ganz ähnlich wie bei dem berühmten Satz aus der Werbung:

 

„Das ist kein Jim Beam!“

 

 

Wer mehr über meine Ideen zum Projekt "Das ist doch kein Nolde!" wissen möchte, scrollt einfach nach unten zu: KÜNSTLER-WERK-ÖFFENTLICHES BILD VOM KÜNSTLER. Unter Umständen ist das auch bei mir sinnvoll!

 

 

Etwas sieht aus wie das Erwartete – ist es aber nicht. Und in diesem kurzen Moment zwischen Erkennen und Zweifel beginnt unser Gehirn, nach einer Erklärung zu suchen. „Das ist kein doch Nolde!“ macht genau diesen Moment zum Thema. Die Arbeiten dieser Serie sind deshalb keine verkleinerten oder veränderten Kunstgeschichten. Sie sind kleine Experimente mit unserem Sehen. Bekannte Bilder werden zu unbekannten Bildern. Das Auge erkennt etwas. Das Gehirn widerspricht. Und plötzlich wissen wir nicht mehr genau, was wir eigentlich sehen. Vielleicht ist genau das der interessante Moment:

 

Wenn Sehen ins Denken übergeht. „Das ist doch kein Nolde, oder?“ in der Wunderkammer! Oder vielleicht doch? Der Betrachter muss seinen eigenen Kopf beim Sehen ertappen. Und wer noch mehr sehen will, geht einfach im Herbst ins Inselmöbelhaus, das sich vielleicht für einen kurzen Moment zum Kunsthaus entwickelt. Aber das muss man selbst erfahren, um herauszufinden, ob das vielleicht kein Nolde ist.   

 

 

Auch das ist kein Nolde !

 

 

Und das ist übrigens auch kein Munch, nur weil links unten möglicherweise Munch zu erkennen ist. Es ist ein Kalenderblatt, das ich mit quadratischen Botschaften anderer Künstlerkollegen ergänzt habe.

 

 

 

 

https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/emil-nolde-eine-deutsche-legende-der-kuenstler-im-nationalsozialismus/

 

KÜNSTLER-WERK-ÖFFENTLICHES BILD VOM KÜNSTLER!

 

Noch vor wenigen Jahren wurde Emil Nolde als einer der bedeutendsten deutschen Expressionisten gefeiert. Seine Landschaften, Blumenbilder und religiösen Motive gehören bis heute zum kollektiven Bildgedächtnis vieler Menschen. Kalender, Postkarten und Kunstbücher haben seine Bildwelt millionenfach verbreitet. Nolde galt als Künstler, dessen Farben und Formen unmittelbar berühren – und als Maler, den man bewunderte, auch wenn der Versuch, „wie Nolde“ zu malen, meist scheiterte. Auch bei mir, denn Noldes expressionistischer Ansatz ist nicht meiner. Aber das ist seine und meine künstlerische Freiheit. Das Bild hat allerdings Risse bekommen. Neue Forschungen hatten gezeigt, dass Nolde keineswegs der Künstler des inneren Widerstands gegen den Nationalsozialismus war, als den man ihn nach 1945 lange dargestellt hatte. Im Gegenteil: Er war überzeugter Antisemit, verehrte Hitler und hoffte trotz seiner Diffamierung als „entarteter“ Künstler auf die Anerkennung des nationalsozialistischen Regimes. Auch das nach 1945 entstandene Bild vom verfemten, vom Regime unterdrückten Künstler erweist sich in wesentlichen Teilen als Selbstinszenierung.

 

Diese Erkenntnis verändert unseren Blick auf sein Werk. Aber wie weit?

 

Darf man ein Bild von Emil Nolde noch schön finden? Darf es einen berühren, obwohl man weiß, welche politischen und menschlichen Überzeugungen sein Schöpfer hatte? Kann man ein Kunstwerk von seinem Urheber trennen – oder muss man es sogar, um das Werk überhaupt noch betrachten zu können? Die Versuchung ist groß, die Sache möglichst einfach zu machen: guter Künstler – gute Kunst. Oder umgekehrt: schlechter Mensch – schlechte Kunst. Beides funktioniert nicht. Denn Kunstgeschichte ist keine Geschichte moralisch makelloser Menschen. Künstler können Großartiges schaffen und zugleich Überzeugungen vertreten, die uns heute oder auch schon zu ihrer Zeit erschrecken. Das macht die Kunst nicht automatisch wertlos. Aber es verändert die Bedingungen, unter denen wir sie betrachten.

 

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung: nicht zu verdrängen, aber auch nicht vorschnell zu tilgen. Nicht Nolde zum Helden zu machen – aber seine Bilder auch nicht einfach aus der Kunstgeschichte zu entfernen. Eine „besenreine“ Kunstgeschichte wäre eine Illusion. Kunst entsteht durch Menschen, und Menschen sind widersprüchlich. Vielleicht müssen wir deshalb lernen, beides gleichzeitig auszuhalten: denn das Bild kann großartig sein. Der Mensch dahinter kann erschreckend sein. Und beides ist wahr. Müssen wir deshalb das Bild meiden?

 

Weiterführende Links zum Thema:

 

 

 

 

„Das ist doch kein Nolde, oder?“ beginnt genau an diesem Widerspruch. Und dieser Widerspruch wird bleiben und uns immer wieder zu Diskussionen, Auseinandersetzungen und Erkenntnissen bringen. Denn das Werk ist vom Künstler nicht zu trennen und die klassische Frage in diesem Kontext heißt: Kann und darf ich ein Werk unabhängig von seinem Schöpfer betrachten? Oder anders: Muss ich ein Bild anders sehen, wenn ich weiß, wer es gemalt hat? Das ist die Nolde-Frage – aber eben nicht nur bei Nolde, sondern auch bei mir und meinen Arbeiten. Die Fragestellung betrifft daher grundsätzlich unser Verhältnis zu Kunst. Ein Bild eines Bildes in unserem Kopf verschwindet ja nicht sofort, nur weil wir etwas Unangenehmes oder Verachtendes über seinen Urheber erfahren.

 

Denn unser Sehen wird immer von unserem vergangenen und zukünftigen Wissen beeinflusst.

 

Und hier wird es für mein Projekt noch interessanter. Denn bei Nolde geht es nicht nur um Künstler und Werk, sondern um Künstler, Werk und Künstlerbild. Wir haben über Jahrzehnte gelernt: Nolde = Expressionismus = Farbe = Natur = Norddeutschland = innerer Künstler = verfemter Künstler. Und da tauchen sie auch schon wieder auf, die Mohnblumen im Wind, die verwischten Aquarelle des Nordens mit verbogenen und knochigen Weiden in Nordfriesland. Dieses Bild von Nolde ist selbst zu einer Art kulturellem Kunstwerk geworden. Und dann kommt die historische Realität und sagt: So einfach war es nicht. Das macht meinen Titel „Das ist doch kein Nolde, oder?“ plötzlich sehr vielschichtig. Denn meine Arbeiten sind keine Noldes. Aber sie können mit dem Bild arbeiten, das wir von Nolde haben. Es entsteht deshalb sogar eine kleine gedankliche Dreiecksthese daraus:

 

 

 

 

DER KÜNSTLER → DAS WERK → DAS ÖFFENTLICHE BILD VOM KÜNSTLER

 

Und zwischen diesen drei Punkten entstehen die Fragen:

 

Wer bestimmt eigentlich, was wir sehen? Eine meiner Lieblingsfragestellungen!

 

Das Werk? Der Künstler? Die Kunstgeschichte? Unser eigenes Vorwissen? Oder die Geschichte, die uns über dieses Werk erzählt wurde? Und genau hier sehe ich meine Idee  als „Das ist doch kein Nolde, oder?“-Prinzip: Ich mache nicht einfach „Nolde nach“. Ich untersuche nicht nur mit Nolde, wie Kunst in unserem Kopf funktioniert. Das wäre meines Erachtens die stärkere argumentative Grundlage für die Idee „Das ist kein Nolde!“ als die moralische Frage allein zum kritischen öffentlichen Bild von Emil Nolde.

 

Deswegen ist mein dauerhafter Kommunikationsprozess „Was sehen wir eigentlich, wenn wir ein Bild sehen? Das Werk? Den Künstler? Oder das Bild, das wir uns von dem Künstler gemacht haben? Vielleicht ist „Nolde“ längst mehr als ein Name. Vielleicht ist „Nolde“ eine Vorstellung in unserem Kopf. Und genau dort beginnt diese Fragestellung oder die Erkenntnis. Denn meine Arbeit. die ich präsentiere, ist wirklich kein Nolde“!

 

 

 

 

Druckversion | Sitemap
© Andreas Petzold #KUNSTEINS 2026